Zum Schmunzeln und Staunen

sind die kleinen Geschichtchen und Anekdötchen aus der alten Herrschaft Schlitz. Die zwischen März 2000 und Juli 2001 im "Schlitzer Bote" veröffentlichte Zeitungsserie ist ist hier komplett nachzulesen.

Die Buntheit der Schlitzer Mundart

Panorama
Die Schlitzer Mundart ist eine unerschöpfliche Fundgrube heiterer Kleinigkeiten, insbesondere dann, wenn es der Dialekt zu Wortschöpfungen bringt, die vom Hochdeutschen abweichen. Dabei fällt auf, dass das Schlitzerische häufig – nicht immer – eine erstaunlich differenzierende, bild- und lauthafte Vielfältigkeit aufweist.

Die Buntheit des Schlitzer Gemüts wird besonders bei den Farbenbezeichnungen deutlich. Wir kennen in Schlitz nicht nur schlicht grün, blau, rot und grau. Bei uns ist das "grôhsgreh", "blitzeblôh", "ritzerot", "gritzegrôh", "kohlschwôrz", "schneewiss" und "goldegahl".

Strafe für Schwätzer und Schwänzer

Das Ratsprotokollbuch (SAS XV.8.2, S. 327) berichtet unter dem 9. Januar 1651:

"Weil vernommen, daß etzliche unter den Rathspersonen und anderen Ambtsbedienten öfter aus der Schul und Rathstuben geschwätzet und gebührende obgelegene Verschwiegenheit nicht gehalten, alß soll deßwegen dieß zum Rathschluß gesetzet seyn, daß, welcher hinfort das geringste auß dem Rath schwätzen und offenbahren würde, und dasselbige beweißlich erfahren, soll jedesmahlß zwei Viertheil Wein zur straff zu geben schuldig seyn.

- Zumhanglichen (= In diesem Zusammenhang) auch dießes, daß weil offtermahlen sich die Rathspersonen muthwillig und ungehorsamblich absentiren und außenblieben und nicht zu rechter Zeit erscheinen, alß soll auch hiermit verordnet seyn, daß ein jeder, der nicht erscheinet oder aber vorher 1/4theil Stundt zu langsamb komet, ein halb Maß zur staff vorlegen soll. Darvon sollen diejenigen, so erscheinen, jedesmahl Ein Kann Wein haben."

Eine fast salomonische Regelung, wie ich meine, die obendrein von hohem psychologischem Einfühlungsvermögen kündet und die Voraussetzungen dafür schuf, dass die Ratspolitik in Schlitz nicht zu einer allzu trockenen Angelegenheit verkümmerte!

Unser schönes Schlitz: Wappenstein

Wappenstein
Frühbarocker Wappenstein der Herren von Schlitz an der Vorderburg (Foto 1996)

Der Dreck von Frankfurt

Als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die deutschen Städte immer mehr zu bombendurchfurchten Trümmerfeldern wurden, fanden viele ausgebombte Frankfurter Unterkunft in Schlitzer Wohnhäusern. Das ging nicht immer ohne Reibungen ab, insbesondere wenn an diesen Zwangswohngemeinschaften Personen mit unterschiedlichen Temperamenten beteiligt waren.

In der Günthergasse war eine evakuierte Mannsperson aus Frankfurt untergebracht, die offenbar ihre Freude daran hatte, samstags nach erfolgtem Hausputz mit verdreckten Schuhen durch den Hausflur zu latschen. Als er wieder einmal bei einer solchen Ungezogenheit erwischt wurde, entlud sich bei der nicht auf den Mund gefallenen Schlitzer Hausfrau der angestaute Zorn über den rücksichtslosen Großstadtmenschen in folgenden Worten:

"Deh Bombe senn in Frankford gefalle, äwwer de Drähg es bes Schlitz gespredzd."

("Die Bomben sind in Frankfurt gefallen, aber der Dreck ist bis Schlitz gespritzt.")

Vom Fusseln und Draddeln

Wie feinfühlig die Schlitzer die unterschiedlichen Witterungslagen in ihrem Dialekt empfinden, verdeutlicht ihr Abstufungsvermögen beim Regnen.

Peitscht der Regen übers Land, dann "drätschd's"; fallen heftig dicke Tropfen vom Himmel, dann "draddeld's"; kommen die Tropfen nur vereinzelt von oben, dann "drebbeld's"; wenn es feinverstäubt nässt, dann "fusseld's" oder "nieseld's".
Wen der Regenguss ohne Schirm erwischt, der wird "drätschnass".

Der Sturz vom Gerüst

Als Hans Döring nach dem Krieg seine neue Seifenfabrik baute, passierte es. Hoch vom Gerüst stürzte ein älterer Schlitzer Maurer und fiel - wie sich bald herausstellte - sehr glücklich unten auf. Ich befand mich gerade mit meinen Eltern in unserem benachbarten Garten. Wir liefen hinzu und erlebten, wie der Maurer zu unserer aller Erleichterung aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, mit großen Augen die Umstehenden musterte und dann für jedermann wahrnehmbar fragte:


"Ich wärn doch net dohd senn?"

("Ich werde doch nicht tot sein?")

Graf Emil und sein Knecht

Der auf ein ausgesucht verfeinertes Deutsch erhöhten Wert legende kunstsinnige Graf Emil von Schlitz traf auf einen seiner Knechte, von dessen Frau er wusste, dass sie schwer erkrankt war. Erlaucht erkundigte sich in wohlgesetzten Worten leutselig nach der Frau Wohlbefinden und erhielt folgende Antwort:

"Es gedder net gohd; Se hosd ôn kozd; Sedzd hengerm Owe ôn krihezd."

("Es geht ihr nicht gut; Sie hustet und erbricht, sitzt hinter dem Ofen und jammert.")

Unser schönes Schlitz: Fachwerkidylle

Tür in der Brauhausstraße
Unser schönes Schlitz!
Fachwerkidylle in der Brauhausstraße (Foto 22.5.1994)

Der Hasenskat

Die beiden Jagdliebhaber A. und Sch. aus Schlitz waren dafür bekannt, dass sie regelmäßig ohne auch nur den geringsten Jagderfolg von ihren Pirschen und Ansitzen zurückkamen.
Dies ließ folgende - zugegebenermaßen etwas bösartige - Geschichte in Schlitz umlaufen:

"Auf der weißen Birke", einem liebenswerten Waldrandplätzchen hoch über Schlitz, saßen drei Hasen und spielten Skat. Einer der Hasen wurde zweier Jäger ansichtig, die sich vom Ziegeleiwäldchen näherten. Er warnte seine Mitspieler. Der zweite Hase erkannte mit geschultem Auge, dass es sich um die "Scharfschützen" A. und Sch. handele. Als er dies dem dritten Hasen mitteilte, meinte dieser:
"Ach, bänn's deh zwo senn, dann mischel noch emôl, dann kônne mer noch schnell e Rônd gespiel."

("Ach, wenn es diese beiden sind, dann mische nochmals, dann können wir noch schnell eine Runde spielen.")

Ich hôn dich gähn (=Ich habe dich gern)

Bestimmte Ausdrucksweisen der anspruchsvollen Umgangssprache nimmt der Schlitzer Dialekt einfach nicht zur Kenntnis. Der Schlitzerländer Bauernbursch wird nie zu seinem "Schwôrm" (="Schwarm") "Ich liebe dich" sagen sondern "Ich hôn dich gähn" (="Ich habe dich gern") oder, wenn es ihn besonders gepackt hat, "Ich senn verreckt uf dich" (="Ich bin verrückt auf dich") oder, wenn es ganz schlimm wird, "Ich senn ganz well (= wild) uf dich".</p> <p>"Leise rieselt der Schnee" heißt auf Schlitzerisch "Es fährt heimlich mit Schnee". Das verfeinerte "rieseln" wird im Dialekt nicht akzeptiert.

So ist es mit vielen anderen gewählten Worten des Hochdeutschen. In Schlitz "blickt" man nicht, sondern man "guckt" in die Sonne. Das Schlitzerland ist - mundartlich - nicht "wundervoll" oder "herrlich" sondern schlicht "scheh" (=schön).

Der Schlitzer schwätzt nicht Platt sondern Dialekt. Platt ist der Dialekt der Niederdeutschen (Mackensen, Deutsches Wörterbuch, Südwestverlag München, S. 706). Es hat mit dem Schlitzerischen nichts zu tun. Es ist unbestritten, dass nur die niederdeutschen Mundartgruppen nördlich der Linie Aachen - Dessau - Frankfurt a.d.O., die die hochdeutsche Lautverschiebung nicht mitgemacht haben, die Bezeichnung "Plattdeutsch rechtfertigen.

Der rabiate Hannes

Makaberen Anstrich hat das, was sich dermaleinst am Grabenberg abgespielt hat.
Dort wohnte der Hannes (Name geändert) mit seiner Frau. Hannes ging mit seinem Eheweib zuweilen gar nicht fein um. Häufig verprügelte er seine Angetraute, die dies alles demütig und geduldig ertrug. Nur einmal hat sie - so wird in Schlitz erzählt - wie folgt gestöhnt:


"Min Hannes es jô en gohde Källe. Mir Weiwer mosse jô Schmiss hôh. Doch Hannes schmissd gôhr zo hard."

("Mein Hans ist ja ein guter Kerl. Wir Weiber müssen ja Schläge haben. Doch Hans schlägt gar zu hart.")

Der Leibjäger

Graf Emil hielt sich einen Leibjäger, den er bei besonders festlichen Anlässen in eine bombastische Uniform mit weißem Koppelzug, Kordeln und einen ehrfurchtheischenden Helmbusch steckte. Der großwüchsige Leibjäger Hofmann, der am Knottenberg wohnte, erregte mit seinem Kopfschmuck internationales Aufsehen, als er bei den Kaiserbesuchen in Schlitz an der Seite Seiner Majestät auftrat.

Der Weber Wilhelm Suppes erzählte mir vor vielen Jahren, Hofmann habe neben dem Kaiser eine so dominante Figur abgegeben, dass die Schlitzer meinten, Hofmann sei der Kaiser. Viele Zuschauer hätten anstelle Wilhelms II. dem görtzischen Leibjäger zugejubelt.

Der Leibjäger1898: Der Kaiser kommt auf dem brandneuen Schlitzer Bahnhof an. - Der Kaiser in der Bildmitte, rechts davon der Graf von Schlitz und links der eindrucksvolle Leibjäger (Foto im Besitz des Heimatmuseums)

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